Interviews

Interview mit ehemaligen und amtierenden Präsidenten und Oberturnern der Männerriege

IZ: Wie hast Du den Turnbetrieb zu Deiner Zeit erlebt ?

Moritz Sprenger: Wir haben alles gegeben, um turnen zu können. Wir mussten unseren Beitrag leisten, z.B. auf dem alten Turnplatz den Rasen selbst mähen, unser Turnlokal (Trotte) mit Holz ausbessern, im Winter den eingedrungenen Schnee wegwischen. Geturnt hat man mit Kappe.

Albert Zehnder: Die Kameradschaft war einzigartig, man hat sich auch immer die Hände geschüttelt. Mit Moritz und Ernst hatte ich sehr engagierte Frontleute. Wir haben auch in anderen Gremien für die Turnsache gekämpft (z.B. bei der Festlegung der Turnhallen-Belegung).

Dölf Frei: Es wurde eher mehr Faustball gespielt als geturnt. Auch hatte der gesellschaftliche Aspekt grosses Gewicht, man ging nach dem Turnen immer noch zusammen in die Beiz.

Christian Brunner: Die gute Stimmung hat mir immer Eindruck gemacht. Es war auch immer Verlass auf die Leute.

Ernst Wägeli: Ich musste zuerst lernen Faustball zu spielen. Vorne hat einer dirigiert und ich bin hinten drin gestanden.

IZ: Welche speziellen Erlebnisse blieben besonders in Erinnerung ?

Moritz: Der Bezug der neuen Turnhalle (1968) war etwas Besonderes, da ab dann umgesetzt werden konnte was man in den Kursen gelernt hatte. Speziell war auch, dass sich die Ettenhauser zuerst an die Duschen gewöhnen mussten. "Ausser mir hat diese zu Beginn niemand genutzt."

Albert: Die Mitgliederzahl hat sich stark erhöht und wir konnten eine Seniorenriege gründen. Schade war die starke Rivalität zwischen Männerriege und Turnverein.

Dölf: Unvergesslich war der 90. Geburtstag unseres Ehrenpräsidenten Bruno Zehnder sowie die mehrtägige Turnfahrt nach Irland.

Christian: Die Turnfeste mit der guten Stimmung waren immer ein Highlight. Auch bleiben mir die vielen positiven sozialen Kontakte.

Ernst: Viele Turnfahren sind unvergesslich. Nie sind alle Männerriegler den gleichen Weg gelaufen, immer gab es Extrawürste. Die Super-Kameradschaft möchte ich nicht missen.

IZ: Wie hat sich der Turnsport in den vergangenen Jahren verändert ?

Moritz: Früher ging es sehr militärisch zu und her. An Turnfesten musste in Achtungsstellung gemeldet werden. Heute ist die Stimmung lockerer, das Angebot breiter, und Frauen und Männer können in gemeinsamen und altersgerechten Wettkampfgruppen antreten.

Albert: Das Wettkampf-Angebot an Turnfesten hat sich stark ausgeweitet. Mit den gemeinsamen Nachtessen und den kulturellen Anlässen zusammen mit Partnerinnen haben wir auch Verständnis gewonnen für die vielen Abwesenheiten an Spielen und Wettkämpfen.

Dölf: Das Turnen selbst erfuhr keine massiven Veränderungen, mit Ausnahme der immer breiteren Disziplinenvielfalt. Die Männerriege ist immer noch sehr vital und fit.

Christian: Seit dem ETF in Basel waren auch gemeinsame Auftritte mit den Frauen möglich, und mit den Kategorien 35+ kann heute altersgerecht um die Ränge gekämpft werden.

Ernst: Früher konzentrierte man sich auf viel Kraft und Ausdauer. Heute legt man viel mehr Gewicht auf Beweglichkeit, Koordination und Reaktion. Keine Ruck-Zuck-Übungen mehr.

IZ: Die Vereine bekunden heute Mühe neue Mitglieder zu finden. Wo siehst Du die Hauptgründe ?

Moritz: Es ist heute zu viel Geld im Sport. Dies hat den Sport und auch das Turnen verändert. Auch das Angebot ist viel grösser. Zudem wird vielfach die Nachwuchsförderung vernachlässigt.

Albert: Der Individualismus hat stark zugenommen. Auch ein gewisser Egoismus spielt wohl mit. Und es kommt auf die Leiter (Oberturner) an. Nochmals, ich hatte wirklich viel Glück mit meinen topmotivierten Leitern.

Dölf: Das Angebot ist heute grösser, dazu kommt die Mobilität. Auch will man keine Verpflichtungen mehr eingehen und es fehlen die Vorbilder.

Christian: Die Leute haben Angst vor den Pflichten und sind auch beruflich stärker ausgelastet.

Ernst: Das Sportangebot ist riesig. Auch können viele Sportangebote ohne Verein betrieben werden. Zudem ist helfen in den Vereinen verpönt.

IZ: Wie wird Turnen in 50 Jahren aussehen ?

Moritz: Lacht. Ja das ist eine berechtigte Frage. Ich kenne keine Sportart, die völlig untergegangen ist. Ich hoffe dass es wieder mal aufwärts geht. Schade dass die Führungsfunktionen zu wenig lukrativ sind.

Albert: Wenn ich das wüsste? Das ist unglaublich schwierig zu beantworten. Geturnt wird sicher noch, vielleicht sogar wieder mehr als heute.

Dölf: Schmunzelt. Vielleicht ist dannzumal der Oberturner durch den Beamer ersetzt. Die Leute wollen sich aber auch in 50 Jahren noch bewegen. Sollte es uns schlechter gehen als heute, würde das Vereinswesen vielleicht wieder an Bedeutung gewinnen. Vielleicht turnen wir mit den Frauen zusammen.

Christian: Entweder geht der Roboter ins Turnen, und jeder lebt für sich alleine (wie im Film ‚Surrogate'). Oder die Leute merken, dass ein Alleingang nicht lustig ist, und scharen sich wieder zusammen.

Ernst: Schwierig zu sagen. Vielleicht sind die turnenden Vereine unter einem Vereinsdach. Wenn schneller auf neue Trends reagiert wird, gibt es das Turnen noch. Und die Turnfahrten sollte man unbedingt beibehalten.